Alexander's Blog
23.10.2006

Foto 19Über Nacht hat es geschneit. Zeigten die Berge des transantarktischen Gebirges gestern noch ihr durch den Wind freigelegtes dunkles Gestein, sind sie heute früh weiß „bezuckert“. Dafür ist das Wetter aber herrlich und die Sonne scheint von einem nur z.T. mit dünnen Schleierwolken bedeckten Himmel, der Wind ist sehr schwach und es überhaupt ziemlich mild – höchsten 15 bis 16 Grad minus schätze ich (Foto 19). Im Laufe des Tages zieht sich der Himmel aber wieder ein wenig zu.

 

Foto 20Dies tut dem Gang des Forschungsprojekts jedoch keinen Abbruch. Um 9.30 werden wir in dem regelmäßigen ANDRILL-Meeting über den aktuellen Gang der Dinge informiert – morgen Früh, spätestes morgen Abend soll es soweit sein und die erste Bohrprobe vom Meeresgrund geborgen werden. Außerdem erläutert einer der Projektleiten in einem sehr anschaulichen Vortrag die geologischen und tektonischen Gegebenheiten der Region und die erhofften Ergebnisse der Bohrung (Foto 20).

 

Foto 21Zuvor war um 8 Uhr ein weiteres Briefing angesagt. Diesmal ging es um das Thema Müll und dessen Vermeidung im Rahmen eines Müllmanagements. Jede kleinste Müllmenge muss gemäß einer internationalen Übereinkunft zum Schutz der Antarktis vom Kontinent entfernt werden. Und so haben die Amerikaner ein ausgeklügeltes Mülltrennung-, -überwachungs- und -meldesystem entwickelt, das höchsten ökologischen Ansprüchen zu genügen scheint – man könnte fast meinen, auf McMurdo hätte man den Grünen Punkt erfunden. Jedenfalls stehen an jeder Ecke der Forschungsstation verschieden farbig markierte Müllbehälter herum, in denen die verschiedenen Müllsorten peinlich genau gesammelt und dann ausgeflogen werden (Foto 21).

 

Gegen 14 Uhr landet nach meiner Ankunft vor vier Tagen zum ersten Mal wieder eine der Großraumflugzeuge vom Typ C17 der Amerikanischen Airforce, die kleineren Hercules-Maschinen und v.a. die vier Helikopter der Forschungsstation sind indes häufiger mal beim starten und landen zu sehen. Mit der C17 kommt nicht nur jede Menge zusätzlicher Ausrüstung und Verpflegung, auch mein zukünftigen Zimmergenosse von der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe in Hannover (BGR) sitzt in der Maschine – der siebte und letzte deutsche, der an dem ANDRILL-Projekt mitarbeitet. Von heute an heißt es sich also auf dem ohnehin beschränkten Raum des Zwei-Bett-Zimmers zusätzlich einzuschränken und auf einander anzustimmen, schließlich muss ja jeder seiner Arbeit nachgehen. Und die Arbeitszeiten können dabei durchaus unterschiedlich sein, hier auf McMurdo wird schließlich rund um die Uhr gearbeitet, wenn die heiße Phase der Bohrung begonnen hat.



24.10.2006

Es ist soweit: Der Tag ist gekommen, an dem es in die berühmt berüchtigte „Happy Camper School“ (offiziell: Flied safty training programm), eine Art Überlebenstraining im antarktischen Eis gehen soll. Die Gedanken schwanken zwischen hoffen auf neue Erfahrungen und neue persönliche Herausforderungen, tolle Bilder, einmalige Eindrücke auf der einen und bangen vor der Kälte, der geplanten Übernachtung im Zelt draußen im Eis und dem Wetter auf der anderen. Doch wir scheinen es mehr als gut getroffen zu haben: So wenig Wind hatten wir seit der Ankunft in McMurdo noch nie – und der Wind ist hier im antarktischen Klima der eigentliche „Widersacher“ des Menschen. So zieht eine Schar von zwanzig (zumiest) Antarkis-Neulingen, bepackt mit allem was das Repertoire an Polarbekleidung und Outstore-Outfit zu bieten hat, um 8.30 Uhr in das Science Support Center ein. Alles, nur keine Baumwolle – das wurde uns schon vorab per Mail nochmals eingetrichtert, weil diese am Körper nicht trocknet und ihm dadurch die notwendige Wärme entzieht.

 

Die Schulung beginnt mit einem Theorieteil, bei dem verschiedene Ausrüstungsgegenstände Foto 22 und Grundregeln des Verhaltens im Eis erläutert werden – das Thema „Schutz gegen die Kälte“ an erster Stelle. Wie erkennt man die verschiedenen Phasen der Unterkühlung und Erfrierungserscheinungen? Was kann man gegen den Wärmeverlust tun? Wie kann man zusätzliche Wäre zuführen? Nach dem Spiel ist vor dem Spiel ist übertragen auf das (Über)leben im Eis: Nach dem Essen ist vor dem Essen. Soll heißen: eine permanente Nahrungsaufnahme ist das „A“ und „O“ für eine kontinuierliche Wärmezufuhr im Gelände wird uns gesagt – nichts leichter als das, denke ich mir ... und werde mich noch wundern.

 

Nach der Theorie in die Praxis: Mit einem großrädrigen busartigen Verhikel werden wir von Mc Murdo aus auf das Schelfeeis jenseits der Scott Base gefahren – und müssen dort erst mal durch den Schnee zu einer abgelegenen Hütte, der so genannten „Instractors Hut“ laufen (Foto 23). Um sich in der Weite des unendlichen Weiß aus Eis und Schnee nicht zu verirren, sind alle Straßen mit kleinen farbigen Fähnchen markiert – abseits des Wegs lauern allenthalben vielfältige Gefahren: Gletscherspalten! An der aus einem Zelt und zwei Container bestehenden „Schulungshütte“ angekommen, werden mit uns weitere Aspekte des (Über)lebens im Eis besprochen, die Funktionsweisen eines Bezinkochers ausführlich vorgestellt ... und selbst ausprobiert, den wir werden später damit auf uns selbst gestellt sein, wie uns die zwei Lehrer eröffnen.

 

Dann geht es endgültig raus ins Eis. Wir müssen unser eigenes Zeltcamp erstellen. Dazu werden zwei Scott-Zelte aufgeschlagen – baugleich derer, die Scott schon seinerzeit dem tragischen Versuch verwendet hat, den Südpol zu erreichen. Hinzu kommen fünf „normale“ Outdoor-Zelte. Die beiden erfahrenen Outdoor-Trainer, einer aus Alaska, der andere aus den Bergen des US-Staats Washington, verblüffen uns mit so machen Tipp und Trick, der den Aufbau und die Befestigung der Zelte erleichtert. Dem nicht genug. Zum Schutz gegen den – zum Glück an diesem Tag kaum wehenden Wind – müssen wir eine Schutzmauer aus Schneeblöcken bauen. Eine Graben wird ausgehoben, Blöcke mit einer Art Handsäge herausgeschnitten, mit einem Schlitten abtransportiert und Block auf Block übereinander gestapelt (Foto 24).

 

All das geht nur in Teamarbeit und so schweißt uns diese Erfahrung rasch zusammen ... und das, obwohl hier die unterschiedlichsten Menschen und Kulturen zusammen kommen – Wissenschaftler ebenso, wie Techniker von McMurdo, Amerikaner ebenso wie Neuseeländer und Deutsche, Männer wie Frauen. Allein schon die innerhalb einer solch heterogenen Gruppe zu beobachtenden Verhaltensmuster unter den extremen äußeren Bedingungen des arktischen Eises, wären Gegenstand genug für ein ganzes Buch – mache, die vor preschen und nach raschen Lösungen suchen, andere, die eher zurückhaltend über den besten Weg nachdenken, aktive und solche, die sich bei den anstehenden Arbeiten auffallend zurück halten. Und diese „Typen“ ziehen sich durch alle beteiligten Gruppen. Ein Beispiel macht die kulturellen Unterschiede deutlich – beim Bau der Windschutzmauer. Während die amerikanischen Kollegen gleich mit dem Bau beginnen, stechen der deutsche Kollege vom AWI und ich erst mal das Terrain mit Fahnen fein säuberlich ab, um den Verlauf der Mauer zu planen. Müssen bei uns die Schneeblöcke möglichst gleich dick sein, belassen es die Neuseeländer eher dabei, die Mauer (sinnvollerweise) möglichst hoch und lang zu bauen, um ein Größtmaß an Windschutz zu bieten – deutsche Gründlichkeit gegenüber amerikanisch-neuseeländischer Funktionalität. Und trotzdem funktioniert das Team – das macht den besonderen Geist des Lebens in der rauen Antarktis aus und die Teilnahme an einem solchen Forschungsprojekt wie ANDRILL so spannend.

 

Nachdem die Mauer steht, wird ein Iglu gebaut, indem unsere Schlafsäcke auf einen Haufen gestapelt und mit Schnee zugeschüttet werden. Wenn der Schnee gestampft und gesackt ist, können die Schlafsäcke durch eine Öffnung entnommen werden, ohne dass die Höhle zusammen fällt. Eine weitere Möglichkeit, im Eis zu übernachten bzw. überleben, ist das Ausheben einer Schlafgrube – ein schlichtes, grabähnliches Loch im Boden, das man zusätzlich als Schutz vor Wind und Schnee mit Schneeplatten abdecken kann. All dies zieht sich den ganzen Nachmittag hin und so langsam aber sicher macht trotz permanenter Energieriegel der „richtige“ Hunger“ breit – es wird ja wohl bald was zum Abendessen geben, denke ich mir. Doch in diesem Moment verkünden uns die beiden Trainer, dass sie uns jetzt dann zurück ließen und uns morgen wieder abholen würden – per Funkgerät für den absoluten Notfall verbunden.

 

So müssen wir und selbst daran machen, die fünf Benzinkocher in gang zu setzen und die in Kisten zurück gelassenen „Tütenessen“, Tees etc. selbst zuzubereiten –sprich: Wir brauchen kochendes Wasser (Foto 25). Das kann bei unter minus 20 Grad Celsius ein wenig dauern, denken wir uns und verlagern das Kochen deshalb (zunächst) in die beiden großen Scott-Zelte – eine schlechte Wahl, denn nachts waren die Wände durch den daran gefrorenen Wasserdampf so pickelhart, dass jede Bewegung im Zelt dem Geräusch beim Schlag auf ein Wellblech gleich kommt. Überhaupt war an Schlaf bei mir nicht zu denken – erst deshalb weil man sich Gedanken darüber macht, woher die Kälte kommen und was man dagegen tun könnte, dann weil die Kälte tatsächlich kam. V.a. vom Boden kroch sie nach oben und das obwohl man mit vier Lagen an Bekleidung in einem für auf bis zu minus 40 Grad Celsius ausgelegten Schlafsack liegt. Selbst Outdoor-Hilfsmittel, wie Wärmekissen, glühende Kohlestäbchen in einer Metallschatulle etc., die ich mir vor dem Flug in die Antarktis noch zuhause wohlweißlich gekauft hatte, helfen angesichts der unvorstellbaren Kälte nicht viel – und das obwohl wir praktisch Windstille haben. Und der nächtliche Gang auf die Toilette wird zu einem wohl zu überlegenden halbstündigen Ausflug – bis man aus dem Schlafsack draußen, die ganzen Klamotten und Schuhen für den Gang nach draußen angezogen hat und anschließend das ganze wieder umgekehrt ...

 

So vergeht die Nacht wie in Zeitlupe und die Minuten und Stunden bis zum Morgen wollen und wollen nicht vergehen – während andere anscheinend blendend zu schlafen scheinen und am kommenden Morgen davon berichten werden, dass es ihnen zu warm war.


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